Freitag, 18. Juli 2008

Die Jungfernfahrt der Titanic – Helenas Monolog

Der leise summende Vibrationston des Mobiltelefons ließ mich zusammenzucken. Was, wenn Mitsuhama auch diese Privatnummer herausbekommen hatte, die ich nur sehr wenigen Personen anvertraut hatte? Es war das erste Mal seit ich den Konzern verlassen hatte, dass dieses Fon klingelte. Ich versuchte meinen Atem unter Kontrolle zu bringen und hob ab. Sicherheitshalber meldete ich mich mit Pallas, meinem Namen, den ich von nun an in den Schatten verwenden wollte. Die jungfräuliche griechische Göttin der Klugheit, des Wissens und der weisen Voraussicht schien mir im Moment seltsam trostspendend. Nichts mit Männern am Hut – zumindest für einige Zeit – und ein bisschen Klarheit darüber, was vor mir liegen sollte hätte ich mir auch sehr gewünscht. „Helena?“, fragte eine männliche Stimme am anderen Leitung, in der ich nach längerem Überlegen und einiger Nachhilfe des freundlichen Anrufers Glamour erkannte, einen alten Bekannten. Reichlich kurz angebunden nach all den Jahren nannte er mir den Namen eines Clubs und die Aussicht auf einen Auftrag und schon hatte er sich wieder verabschiedet. Erst dann fiel mir ein, dass er am Telefon immer wenig sprach, aus Angst die Leitung könne abgehört werden. Eine nicht unberechtigte Paranoia, wenn ich so an meine aktuelle Situation dachte. Nun auf jeden Fall war ich doch froh, dieses eine Fon nicht weggeworfen zu haben, denn sonst hätte Glamour wohl kaum den Kontakt zu mir aufnehmen können. Ich beschloss jedoch, mir so bald wie möglich einen Ersatz für das relativ altmodische Ding zu besorgen.

„Hören Sie zu: die Titanic steht unter unserem Schutz und Sie kennen ja die Geschichte von der Kollision mit dem Eisberg. Wie Sie sich vielleicht vorstellen können, ist bei so prominenter Besetzung immer mit einem Anschlag zu rechnen. Wir brauchen also jemanden der an Board ist und genau das verhindert.“

Ich konnte es kaum fassen. Da machte man sich noch Sorgen um den nächsten bzw. in meinem Fall sogar den ersten Auftrag in den Schatten und schon bekam man einen Anruf von einem alten Freund und drei Tage später wurde man angeheuert um auf der Titanic Sicherheitsdienst zu schieben. Ausnahmsweise schien es das Glück einmal gut mit mir zu meinen, denn auch wenn ich nicht ganz einfach über so einen hübschen Auftrag erfreut gewesen wäre, so hätte ich wohl doch im Augenblick fast jeden Job angenommen, den man mir anbot. Gerade hatte ich meinen Vater aus Griechenland zu mir nach Seattle geholt, was ja sehr harmlos und idyllisch klingt, es aber nicht ist. Bis vor genau einem Monat hatte ich als Geheimagentin Mitsuhamas gearbeitet und einen liebenden Mann gehabt, sowie die gute Hoffnung auf baldigen gemeinsamen Nachwuchs. Dann hatte ich mein Kind verloren, meinen Mann mit einer anderen im Bett erwischt und schließlich Mitsuhama im Nacken sitzen gehabt, weil ich augenscheinlich zu viel wusste und gleichzeitig von zu wenig Nutzen war, als dass man mich einfach ungestört leben lassen konnte. Also hatte man versucht, meinen Vater unter Gewalt zu bekommen. Die genauen Intentionen hinter dieser Handlung sind mir immer noch ein Rätsel, aber ehrlich gesagt habe ich nicht die Lust eines dieser weiteren verborgenen Konzerngeheimnisse zu lüften. Dabei kommt nichts Gutes heraus. Nie. Der Schock, als Rodger mir erzählte sie wären für die Abtreibung meines Kindes verantwortlich sitzt mir jetzt noch in allen Gliedern und der bloße Gedanke daran macht mich zittern vor Wut und Trauer. Das wäre nicht nötig gewesen. Das ist ganz einfach nicht gerecht. Aber was ist schon gerecht.

Jedenfalls war ich untergetaucht in Seattle. Und meinen Vater hatte ich aus Griechenland, meinem Heimatland, zu mir geholt, denn Griechenland war ein zu heißes Pflaster geworden. Auch wenn er darüber nicht sehr glücklich war und außerdem den lieben langen Tag in unserer kleinen Zwei-Zimmer-Wohnung herumsitzen musste, um wie ein gefangener Tiger im Kreis zu laufen, so hätte ich es einfach nicht ertragen, ihn in irgendeiner Gefahr zu wissen. Und schließlich hatte er sich von mir überzeugen lassen, dass es das Beste für ihn war, wenn er sich erst einmal nicht allzu viel blicken ließ. Das war wohl das erste und wahrscheinlich auch einzige Mal in meinem Leben, dass ich konsequent auf meiner Meinung beharrte – sonst bin sehr leicht von etwas zu überzeugen, wenn man es mir einleuchtend erklärt. Zu gutgläubig ja ja, ich weiß und sie ist mir schon oft genug auf den Kopf gekracht diese Gutgläubigkeit.

Ich hatte meinen Vater jedenfalls mit ausreichend japanischen Comics aus dem letzten Jahrhundert versorgt, so dass er sicher ein gutes Jahr lang glücklich und zufrieden wie eine Bisamratte in seinem Nest verbringen konnte und zum kleinen Minimarkt an der Ecke war es auch nicht weit. Um ihn brauchte ich mir also keine Sorgen machen. Vorerst. Nur um unser Budget, das beängstigend geschrumpft war. So war ich auch ausgesprochen froh, als die Yakuza-Mieze – nichts anderes war sie nämlich – uns einen Vorschuss von 2000 Nuyen versprach. Sam tat sowieso nichts anderes als sie die ganze Zeit über den Tisch hinweg lüstern anzustarren, aber dafür erntete er von Nurmi böse Blicke, der in Gegenwart der Lady auf einmal seine Beschützerinstinkte auszufahren schien. Wurde jedesmal hochrot, wenn sie ihn anredete und stammelte unbeholfen vor sich hin. Angeblich war er mal ihr Leibwächter gewesen. Eigentlich komisch. Ich hatte mir unter einem Leibwächter immer eines jener grobgestalteten Cornettos vorgestellt. Super Körper – wenn auch ein bissi zu viel Muskeln für meinen Geschmack - , aber sonst nichts dahinter. Nun so wenig die äußere Beschreibung auf Nurmi zutraf, so wenig hätte ich vorschnell von seiner schüchternen Art auf einen zurückgebliebenen Verstand geschlossen. Aus ihm wurde ich auf jeden Fall nicht ganz schlau. Wenigstens schien er harmlos. Nur er ist einer dieser Typen, wo ich mich wahrscheinlich bis zum letzten Moment fragen werde, ob er mir in einem verlorenen Gefecht den Rücken deckt oder davon läuft. Klingt nicht gerade toll für einen angehenden Auftrag im Team, aber ehrlich gesagt, machte ich mir nicht allzu viele Gedanken. Glamour und Sam waren mit von der Partie und obwohl Sam auf den ersten Blick für einen Fremden sicher nicht vertrauenswürdig aussah, so wusste ich doch, dass man sich im Ernstfall auf ihn verlassen konnte. Und für Glamour galt das gleiche. Mit beiden verband mich eine recht lange Geschichte, auch wenn unsere Beziehung gerade erst nach Jahren wieder aufgewärmt wurde. Mit Sam hatte ich in Tir die Schulbank gedrückt. Er war einer dieser Schüler, die in der Pubertät eine Phase der Rebellion durchmachen und er verursachte so viel Ärger, dass er schließlich von der Schule flog. Im Grunde hatten wir nicht sonderlich viel miteinander zu tun. Im Gegensatz zu ihm war ich immer eine der fleißigeren und ehrgeizigeren Schülerinnen gewesen – wie ja eigentlich anscheinend alle Mädchen in der Schule ehrgeiziger sind als die Jungen. Außerdem hatte ich ihn immer für einen pubertierenden Naivling gehalten. Aber irgendwie hatte er mich doch fasziniert. Von all den ausdruckslosen Gesichtern, die man meistens sehr schnell wieder vergaß hatte er sich zumindest durch einen ganz eigenen Charakter ausgezeichnet, den man einfach nicht vergaß. Und Glamour? Den hatte ich dann auf der Uni getroffen. Um mich nicht nur mit Elektotechnik vollzupauken, hatte ich auf der Geisteswissenschaft Geschichte inskribiert. Ich hatte damals einen ziemlich vollen Tagesplan und gerade zwischen zwei und halb drei rannte ich immer zur Mensa, um dort noch schnell ein Menü zu ergattern, bevor die Küche zugesperrt wurde. Tja und einmal – ich war sehr spät dran - prallte ich dabei voll mit Glamour zusammen, der gerade mit einem Tablett mit Maggi-Suppe und Pommes Frittes raus kam. Ich glaube das war das einzige Mal, dass ich den kultivierten Glamour fluchen hörte, als sich die ganze Suppe samt Pommes auf seinem schicken Outfit verteilte, dem er, wie ich später erfuhr, ganz besondere Aufmerksamkeit gewidmet hatte, weil er sich noch mit einem Mädchen treffen wollte. Ich entschuldigte mich natürlich tausendmal und zu meiner großen Erleichterung nahm er meine Entschädigungseinladung an. Wie ich heute weiß, etwas in dieser Situation normalerweise äußerst untypisches für Glamour.

Nach dem Treffen in dem Nobelrestaurant fuhr ich mit den Öffentlichen ein paar Stationen weiter, um mich mit meinem Vater in einem unserer Lieblingscafes am Hafen zu treffen. Bei Cafe und Kuchen erzählte ich ihm in einer der gemütlich abgeschotteten Nischen von meinem Auftrag. Er gab sich sehr besorgt. Schließlich wusste er ja noch nicht, wie ich bei Mitsuhama mein Geld verdient hatte. In Briefen hatte ich ihm das schwerlich schreiben können und seit unserem Wiedersehen war erst eine Woche vergangen, in der ich mich meist hektisch bemüht hatte, einen Job zu finden. Aber nicht zu unrecht kam seine Besorgnis. Ich hatte mir selbst schon Gedanken gemacht, ob es vielleicht zu gefährlich sei, für die Yakuza zu arbeiten. Schließlich hatten die auch gute Kontakte zu Mitsuhamas Leuten und denen wollte ich ganz sicher nicht über den Weg laufen. Aber schließlich schob ich alle beunruhigenden Möglichkeiten weit von mir. Die Yakuza war schließlich keine Kleinorganisation und ich hatte noch nie von dieser Frau oder Verbindungen der Yakuza zu jener Reederei gehört. Also konnte die Sache schon nicht so heikel sein. Und verdammt – ich brauchte das Geld. Das wurde mir wieder schmerzhaft bewusst, als ich mir wieder mal überlegen musste, ob ich es mir leisten konnte Trinkgeld zu geben oder nicht. Zu unserem Glück sollten wir schon bald von Mey Ling unsere Ausrüstung und damit auch das Geld bekommen.

Die ganzen nächsten Wochen brachten wir damit zu, uns nach Informationen über das Schiff und seine Passagier umzuhören. Ich bedauerte sehr, Rodger nicht zu Rate ziehen zu können. Er hätte uns wahrlich gute Dienste leisten können, denn im Prinzip wussten wir so gut wie gar nichts über das, was uns in genau zwei Wochen konfrontieren würde. Zum Glück kannte Akuma, ein Kumpel von Nurmi einen Decker, der ein paar Dinge für uns aufspüren konnte, aber viel mehr als eine Passagierliste, ein paar Namen und Beschreibungen der berühmtesten Execs und die Pläne von der Titanic konnten wir nicht ergattern. Dann – als wir schon glaubten mit mehr oder weniger leeren Händen an Board gehen zu müssen – trieb der Decker eine Liste mit Namen auf, deren angebliche Träger schon einmal in der Vergangenheit mit der Mafia zu tun gehabt hatten. Und die Mafia war der potentielleste Anschläger, als wichtigster Kontrahent der Yakuza. Immerhin eine kleine Spur. Außerdem hatten wir ja eine Ansprechperson an Bord, einen gewissen Kent Stolt.

Die ganze Zeit über, die wir mit der Planung unseres kleinen Abenteuers zu tun hatten, wurde ich von einem familiären Problem abgelenkt. Meine reizende Mutter nämlich, die sich nie wirklich um mich gekümmert hatte, seit sie erfahren hatte, dass ich eine Elfe war, versuchte nun, in der wirklich denkbar ungünstigsten Situation, mich und meinen Vater zu finden. Sie hatte erfahren, dass wir beide von der Bildfläche verschwunden waren und nichtsahnend davon, dass es dafür einen guten Grund gab und wir jedes Auffallen tunlichst vermeiden wollten, hatte sie anscheinend eine Vermisstenanzeige erstattet – von Mitsuhama unterstützt, die natürlich den Anschein erwecken wollten, als wären sie über mein Verschwinden auch höchst erstaunt. Außerdem liefen in einer normalerweise für Werbepausen vorgesehenen Zeit auf einigen der lokalen Nachrichtensender Bilder von mir und meinem Vater über den Schirm, mit der dringenden Bitte, sich unter einer bestimmten Telefonnummer zu melden, wenn man diese Personen gesehen hätte. Das hatte mir gerade noch gefehlt. Als ich das erste Mal diese Einschaltung sah, saß ich mit Sam, Glamour und Nurmi in einem kleinen Beisl in der Nähe von Sams Unterkunft, das wir zu unserem Besprechungsort gemacht hatten. Ich fiel fast vom Hocker und konnte wohl einige Minuten gebannt auf mein Bild starren, das da über den Trideoschirm flackerte. Zu meinem großen Glück bemerkte niemand die Bilder und meinen entsetzten Gesichtsausdruck. Ich machte mich so schnell wie möglich von den anderen los und suchte nach der ersten Telefonzelle, um mit zittrigen Fingern die einfache 0910-Nummer zu wählen. Ich hatte Gott sei Dank noch etwas Bares gewechselt, so konnte man nicht einmal versuchen, meine Creds zu mir zurückzuverfolgen. Als sich aber eine unpersönliche Stimme als Officer Donald Trucksy vorstellte, hängte ich rasch den Hörer wieder ein und machte, dass ich von der Telefonzelle verschwand. Mochte sein, dass ich paranoid war, aber meine Mutter – gewöhnt auf die laute Pauke zu schlagen, wenn sie etwas wollte – sollte ganz 100%ig nicht erfahren, wo ich mich aufhielt. Es war sonderbar genug, dass sie plötzliches Interesse an uns verlauten ließ. In den Nachrichten hatte es geheißen, eine nahe Bekannte hätte Anzeige erstattet. Das konnte nur meine Mutter sein, denn sonst konnte niemand vom Verschwinden sowohl meines Vaters, als auch von mir bescheid wissen. Außer Mitsuhama. Aber irgendwie glaubte ich nicht, dass der Konzern hinter der Tatsache stünde, denn der wusste gar nicht von einem möglichen Bekannten meines Vaters und mir. Außerdem trug die Sache die Handschrift meiner Mutter. Kopfschüttelnd sperrte ich die Tür zu meiner Wohnung auf. Sollte ich vor meinem Vater verheimlichen, was ich gesehen hatte und hoffen, dass er – wie es seine Gewohnheit war – den Trideoschirm gleich nach den Simpsons, einer alten Serie, die er heiß liebte, um 15:00 Uhr wieder abschaltete? Ich beschloss nichts zu sagen, was ihn nur unnötig aufbringen und vielleicht zu unüberlegten Taten hinreißen würde. Ich glaube, er hat es nie ganz verkraftet, dass meine Mutter sich damals so plötzlich von uns abwandte. Er hat sie wohl wirklich geliebt, aber ihr war ihre eigene Karriere immer wichtiger gewesen als alles andere und mit einem Elfenbalg wäre sie sicher nicht Botschafterin von Griechenland geworden. Auch wenn sie ausgerechnet in Portland, Tir Tairngire stationiert war. Tja und bevor er glaubte alte Amouren wiederbeleben zu müssen...sicher würden die Nachrichten das Bild nicht länger als drei Tage zeigen, dann würden schon hundert andere Dinge wichtiger sein und mehr Geld bringen. Mit diesem Entschluss betrat ich schließlich das kleine Appartement. Es duftete herrlich nach Béchamelsoße mit geröstetem Speck und Spaghetti, ein Geruch, den ich unter allen anderen unweigerlich herauserkannte. Ich war angenehm überrascht. Es war lange her, dass ich so etwas Gutes gegessen hatte, denn Ju Long war ein noch schlechterer Koch gewesen als ich und ein italienisches Restaurant hatten wir im ganzen Konzernkomplex von Mitsuhama nicht gefunden. Mein Vater hatte diese meine Lieblingsspeise immer gekocht, wenn etwas ganz besonderes passiert war, zu irgendwelchen Abschlüssen, Geburtstagen oder wenn ich ihn während der Studienzeit manchmal in Griechenland auf seiner kleinen Insel besuchen kam. Sonst hatten wir uns eigentlich auch immer nur von Nutrisoy mit reichlich Geschmacksverstärker gelebt, denn natürliche Lebensmittel waren erstens immens teuer und schwer zu bekommen.

Also hatte er noch nichts geahnt dachte ich und steckte – wie ich es als Kind getan hatte – heimlich die Nase um die Türkante um mir eine der Nudeln, die im Sieb über der Abwasch hingen zu stibizen, während mein Vater mit dem Rücken zu mir in der Pfanne mit der Soße rührte. Er tat, als hätte er mich nicht gesehen oder gehört bis ich lachte. Dann drehte er sich um und lächelte mich an. „Du bist also zu Hause. Schön, dann können wir jetzt essen. Du kommst gerade richtig.“ Doch beim Essen wurde er ernst. Er schob mir die Zeitung herüber und dort in einer kleinen Spalte mit Kleinanzeigen prangte wieder dieses Fotos von mir und ihm. Jetzt erkannte ich das meine auch zum ersten Mal deutlicher. Es war schon zu meiner Konzernzeit aufgenommen und offenbar aus einem größeren Bild herausgeschnitten worden, denn ich erkannte noch den Arm, der zärtlich um meiner Schulter lag und wusste, dass das Foto aufgenommen worden war, als ich mit Ju Long an einem unserer freien Tage im Native Indian Central Museum gewesen war. Dort hatten wir uns vor einem nachgestellten Pueblo für den Fotografen positioniert und danach für sündteures Geld dieses Foto erstanden. Wie konnte meine Mutter an das Foto kommen und wie der Konzern? Ich hatte bisher angenommen, dass es in meinem Album klebte, aber vielleicht hatte es ja auch Ju Long behalten. Hatte meine Mutter oder Mitsuhami es von ihm erhalten? Mein Vater hatte mich die ganze Zeit aufmerksam gemustert. „Du hast doch nicht versucht dort anzurufen, oder?“ fragte ich ihn. „Natürlich nicht“ antwortete er mir und erleichtert klappte ich die Zeitung zu und warf sie aufs Sofa neben dem Tisch. „Dann lass uns doch diese Sache vergessen und so tun als wäre nichts passiert.“ Es hatte keinen Sinn jetzt krankhaft Verfolgungswahn zu bekommen. Wir konnten sowieso nichts tun. Später allerdings erzählte ich meinem Vater von dem Foto und was das bedeuten könnte. Ich wollte, dass er wusste, dass er vorsichtig sein musste.

Am Tage X rollte ich dann doch etwas besorgt mit meinem Koffer zum Taxistand. Von meinem Vater hatte ich mich in der Wohnung verabschiedet. Wir hatten beschlossen uns nicht mehr gemeinsam auf der Straße blicken zu lassen. Ich hatte ihm das Versprechen abgenommen äußerst vorsichtig zu sein und als ich nun die Straßen von Seattle unter einem grauen Himmel an mir vorüberziehen sah, wünschte ich mir inbrünstig unser Auftrag würde doch nicht so weit weg führen, wo mir jede Kontrolle über das was hier passieren würde aus den Händen genommen war. Dann schob ich entschlossen alle Sorgen von mir. Mein Vater war ein erwachsener Mann und er konnte auch für sich selbst sorgen, auch wenn er mit Gefahr nicht so sehr vertraut war, wie ich.

Ein frischer kühler Wind blies mir ins Gesicht, als ich über die kurze Rampe an Bord der Titanic trat. Es waren bereits eine Vielzahl von Menschen um uns herum beschäftigt damit, die allerletzten Vorbereitungen zu treffen und eine hektisch-fröhliche Stimmung lag in der Luft, voll mit angespannter Erwartung. Unsere Koffer hatten wir zum Glück abgeben können und so hatten wir nur das Kameraequipement zu tragen. Schwer genug, das ganze. Ich hatte mir zuvor den passenden Chip eingesteckt und schwenkte nun von Zeit zu Zeit die Kamera, um das Treiben einzufangen. Sam krizzelte auf seinem Notizboard und Nurmi hielt mir den Scheinwerfer. Dass er dabei jedes Mal Glamour bei seinen Interviews so blendete, dass er ständig blinzeln musste, fiel ihm dabei anscheinend nicht auf. Eigentlich wunderte ich mich ja darüber, dass Glamour nichts sagte. Es würde doch zu ihm passen, auf einem Band möglichst gut aussehen zu wollen. Aber so wirklich arrogant war er ja doch nie gewesen. Nur übertrieben gepflegt und gestylt. An sich keine schlechte Sache, wenn ein Mann sehr auf sein Äußeres achtet, aber wenn ich mit ihm zusammen bin, habe ich trotzdem jedes Mal etwas Bedenken, ob meine Frisur nicht wieder einmal total verstrubbelt wirkt oder meine Kleidung aussieht, als hätte ich damit geschlafen. Nicht dass das je passiert wäre, aber man wird sich seines Äußeren doch sehr bewusst, wenn man einer so darauf bedachten Person gegenübersteht, noch dazu einem Mann. Sam ist da das absolute Gegenteil. Das notwendigste an Pflege und da hat er ja nicht viel zu tun. Seine Glatze gefiel mir aber doch ganz gut, obwohl ich immer wenn ich ihn ansah, dabei an den letzten Typen aus Mitsuhamazeiten denken musste, mit dem ich einen Auftrag durchgezogen hatte und der danach so vertrottelt versucht hatte mit seinem schmierigen Charme bei mir zu landen. Arrrgh. Scheußlich. Da war mir Sams ruppige Art immer noch lieber.

Wir waren mittlerweile durch die erste Flut an Passagieren gewuzelt worden, die nach ihrem Boarding alle an der Rezeption und damit an uns vorbeidrängten. Ein paar konnten wir abfangen und sie kurz interviewen. Alles sehr aufgetakelte Personen und bei dem ganzen Setting überkam einen doch ein bisschen das Gefühl, jetzt was ganz besonderes durchzuziehen. Obwohl ich normalerweise eine Person bin, die Aufträge nicht mit Vergnügen vermischt, stellte es doch eine große Verlockung dar, mal zu erkunden, was dieser Schipper so zu bieten hatte. Ich hatte mir das alles ja nie leisten können, aber es doch immer wieder sehr nett gefunden den reichen Leuten bei ihren an sich größtenteils auf den Rücken der Millionen anderen, sich unter ihnen befindlichen Personen ausgetragenen Tätigkeiten zuzusehen, ob via Trideo oder wenn ich mal bei den Nobel-Boutiquen und Restaurants vorbeikam, die Mitsuhama für die oberen Schichten und Manager zur Verfügung stellte.

Ein paar von den Leuten kamen schon in der vorgeschriebenen Tracht, die die Menschen um 1912 herum getragen hatten, an. Die Männer in elegant-sportlichen Tweed-Anzügen, die Damen in spitzenbesetzten Miedern oder Corsagen und langen wallenden Röcken. Ich hatte selbst von Mey Ling drei dieser Teile bekommen und schon auf den ersten Blick hatte ich mich gefragt wie um Himmels Willen ich in diesen Dingern nicht auffallen bzw. mich unauffällig bewegen sollte. Aber vielleicht würde ja gar keine Notwendigkeit dazu bestehen.

Besorgt dachte ich an die uns bevorstehende Zeit. Wenig genug hatten wir herausbekommen können über mögliche Gefahren, die uns an Board auflauern könnten und wahrscheinlich würden wir nicht eine ruhige Minute haben. Nun zumindest würde der Anschlag nicht gleich am ersten Tag stattfinden, was uns wenigstens etwas Zeit gab uns umzusehen und vielleicht doch noch in den Genuß des einen oder anderen Luxus zu kommen.

Nachdem alle drei Staffeln an Passagieren an Board gegangen waren konnten wir uns auch endlich kurz in unsere Zimmer zurückziehen. Leider waren die lange nicht so luxuriös, wie ich es vermutet hatte. Ein enger Gang mit einem Kasten und eine Koje mit Bett und Bad. Nicht einmal eine Badewanne gab es. Das würde ich auf See wohl am meisten vermissen und mit diesem lächerlichen Ding von Badeanzug wollte ich mich ganz sicher nicht auf dem Promenadendeck blicken lassen. Ich konnte mir schon jetzt die grinsenden Gesichter meiner drei männlichen Gefährten vorstellen. Nun, wenigstens da würde ich zurückgrinsen können, denn die Anzüge für Männer sahen um keinen Deut besser aus. Ich stellte fest, dass ich mit irgendeiner anderen Tussi im Zimmer sein sollte. Ich überlegte nur kurz, dann fragte ich Sam, ob er was dagegen hätte, wenn ich zu ihm rüber ziehen würde. Ich konnte mir die Antwort eh schon denken, trotzdem war ich erleichtert als er ohne blöden Kommentar außer einem breiten Grinsen nickte und ich meine Koffer samt Ausrüstung und co nach nebenan schleppen konnte. Nicht dass er mir geholfen hätte, aber das hatte ich auch nicht erwartet. Gentlemen waren heutzutage fast schon zu viel verlangt. Generell. Obwohl ich dagegen sicher nichts einzuwenden gehabt hätte. Ich fand es lächerlich, wenn Feministen auf so kleinen Dingen rumhackten, die der Emanzipation der Frau doch im Prinzip gar nichts brachten. Außer natürlich jemand verband mit diesen altmodischen Männlichkeits-Weiblichkeitsritualen Dinge wie Unterwerfung oder Machtspiele. Nun dagegen hatten aber wohl hoffentlich alle Frauen etwas wirksames, im Notfall eine Ares Pred. Grinsend klopfte ich auf meine Umhängetasche unter der ich meine Waffe spürte und hatte meine hämische Freude daran, über die Vorstellung meiner selbst als tollwütige Kampfemanze zu lachen.

Lange blieben wir nicht in den kleinen muffigen Löchern von Kabinen, sondern das Promenadendeck hatte uns schnell wieder. Diesmal in Abendkleidung. Ich hatte versucht, so gut es ging, das Mieder selbst zu schnüren. Bevor ich Sam darum bat musste schon noch Schlimmeres passieren. Das Ergebnis jedenfalls war höchst unerfreulich. Die ständige steife Haltung war anstrengend, aber wenigstens hatte ich es nicht fest genug schnüren könnten, als dass mir, wie einigen anderen Damen, die mehr Wert auf eine hochgeschnürte Oberweite gelegt hatten, die Luft weggeblieben wäre. Das sah übrigens wirklich zum Teil sehr eindrucksvoll aus – aber nicht nur im positiven Sinne.

Ganz oben am Schiff in so einer Glaspyramide bestaunten wir dann ein Feuerwerk. Vor lauter Schauen vergaß ich glatt zu filmen, aber in dem allgemeinen Durcheinander bekam das wahrscheinlich niemand mit. Dann teilten wir uns auf zwei der besseren Bars auf. Die Kameras ließen wir im Zimmer, denn die sind wirklich schwerer als mein meinen sollte.

Glamour uns ich waren in einer geschmackvoll möblierten kleinen Bar angekommen. Das einzig Störende war die Klavierspielerin, die zu ihren eigenen Akkorden in einem scheußlichen Mezzosopran sang. Wahrscheinlich war ich aber – außer Glamour möchte ich fast raten – die einzige, die nicht an der Musik Gefallen fand, denn die anderen Leute unterhielten sich verständlicherweise am ersten Tag der Reise prächtig und sprachen auch fleißig dem Alkohol zu, der echt rein hier ausgeschenkt wurde. Ich spülte den Bourbon viel zu schnell runter und nach der langen Zeit, die ich jetzt nichts getrunken hatte, spürte ich mir sofort den leichten Schwindel zu Kopf steigen. Trotzdem blieben wir noch ein Weilchen sitzen und quatschten per Zufall ein paar Leute an. Dann, gegen ein Uhr früh machten wir uns auf in unsere Kabinchen. Sam war anscheinend noch nicht da oder schlief schon fest, was ich mir allerdings nur schwer vorstellen konnte. Ich hatte ihn als Nachtmenschen kennengelernt, der die Hälfte der Zeit auf der Schule in Tir auf seinem Pult eingepennt war, weil er wieder bis in die Früh weg gewesen war. Damals hatte er auch mit den Drogen begonnen und ich Schussel war irgendwie als Jugendliche so fasziniert gewesen, dass ich mir von ihm bei einer Party was geschnorrt habe. Tja und seitdem gibt es immer wieder mal Momente, da greife ich gerne zu Rauschmitteln. Zum Beispiel wie die Sache mit Ju Long war und dieser Schlampe von Mitsuhama oder wie Rodger mit erzählt hat dass die mir mein Kind weggenommen haben. Fuck! Ich hasse sie. Und ich werde schon noch einen Weg finden, wie ich ihnen irgendwie weh tun kann. Ein kleiner Stachel im Fleisch von Mitsuhama. Ich weiß ja schließlich genug, was nicht nach außen dringen dürfte. Eigentlich. Resigniert zog ich mir das Mieder vom Körper, der Rock lag schon abgestreift zu meinen Füßen; zu einem Bündel zusammengesunken dort, wo ich aus ihm herausgestiegen war. Etwas verloren betrachtete ich mich im großen Spiegel an meiner Kastentür. Eine schwarzhaarige sehr schlanke Frau lächelte mir desillusioniert aus dem Spiegel entgegen. Die Hoffnung auf ein glückliches Familienleben in der geborgenen Sicherheit eines Megakons lag wohl endgültig hinter mir. Aber nachdem ich nun wusste, wie es dort zuging, war mir ehrlich gesagt auch die Lust darauf vergangen. Doch die neue Ungewissheit, die nun vor mir lag, übte doch eine größere Beunruhigung auf mich aus, als ich mir eingestehen wollte. Tatsache war: ich sehnte mich nach jedem Bisschen Vertrautem, das ich auftreiben konnte. Und so war ich auch sehr froh gewesen – trotz aller bösen Umstände – dass ich jetzt meinen Vater bei mir in Seattle hatte und jetzt im Augenblick bei diesem Auftrag zwei weitere alte Bekannte zufällig dabei waren. Wenn ich mir vorstellte hier mit lauter Fremden an Board zu sein, denen ich von einem Tag auf den anderen auch noch mein Leben anvertrauen müsste...nein. So wenig mich diese Tatsache bei Mitsuhama gestört hatte, kam ich mir doch jetzt verletzlicher vor. Und irgendwie, so komisch der Gedanke war – jetzt hatte ich mehr zu verlieren: meine Freiheit.

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